Luxemburg und seine sozialen Widersprüche

Das Sozialpanorama 2025 der Arbeitnehmerkammer (CSL) zieht eine alarmierende Bilanz: Trotz seines Reichtums nimmt die Ungleichheit in Luxemburg weiter zu, die Armut besteht unverändert und Arbeit bietet auch keinen Schutz mehr vor ihr. Das Wirtschaftswachstum bleibt zwar weiterhin stark, kommt jedoch nicht mehr allen sozialen Gruppen gleichermaßen zugute. Die Entwicklungen bei Einkommen, Beschäftigung und Arbeitsbedingungen bestätigen das Fortbestehen – ja sogar die Verschärfung – von Spaltungen, die das Land nur schwer beseitigen kann. 

Erste Feststellung: Die Indikatoren für Einkommensungleichheiten zeigen ein strukturelles Auseinaderdriften. Zwar geht das S80/S20-Verhältnis, das die Einkommen der reichsten 20% mit denen der ärmsten 20% vergleicht, im Jahr 2024 leicht zurück. Diese punktuelle Verbesserung ändert jedoch nichts am grundlegenden Trend: Seit Beginn der 2000er-Jahre nimmt die Kluft fast kontinuierlich zu. Auch der Gini-Koeffizient, der zwar Schwankungen unterliegt, liegt 2023 und 2024 wieder über dem Durchschnitt der Eurozone. Das Sozialpanorama hebt auch hervor, dass die Umverteilungsmechanismen des Landes nach Steuern und Transferleistungen weniger wirksam sind als die seiner direkten Nachbarn, insbesondere Belgiens und Frankreichs.

Haushalte mit Kindern gehören weiterhin zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Alleinerziehende verfügen im Durchschnitt über ein Einkommen, das kaum drei Viertel des Einkommens aller Haushalte entspricht, und Paare mit drei Kindern erreichen nur 80%. Zwar sind die Einkommen seit 2019 in allen Kategorien gestiegen, doch diese Dynamik kann die anhaltenden Unterschiede nicht ausgleichen. Der Panorama-Bericht erinnert daran, dass sich die Ungleichheiten häufen: Wohnkosten, unvermeidbare Ausgaben und Kaufkraftverluste verstärken die Anfälligkeit ohnehin schon schwacher Haushalte.

Auf dem Arbeitsmarkt mehren sich die Warnsignale. Nach Jahren starken Wachstums verlangsamt sich die Zunahme der Beschäftigung deutlich: +1,1% im Jahr 2024 gegenüber mehr als das Doppelte im Jahr 2023. Gleichzeitig liegt die Arbeitslosenquote nun bei über 6%. Besonders betroffen sind junge Menschen, deren Quote fast dreieinhalb Mal so hoch ist wie die der gesamten Erwerbsbevölkerung. Behinderte Arbeitssuchende, Menschen mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit und Senioren am Ende ihrer Karriere sind nach wie vor stark überrepräsentiert in der Langzeitarbeitslosigkeit.

Arbeit schützt nicht mehr systematisch vor Armut. Das Sozialpanorama hebt eine besorgniserregende Tatsache hervor: 14% der Arbeitnehmer sind von Armut bedroht, der höchste Anteil in der gesamten Eurozone. Der soziale Mindestlohn reicht nach wie vor nicht aus, um die Grundbedürfnisse vieler Haushalte, insbesondere solcher mit Kindern, zu decken. Darüber hinaus verdienen fast 16% der Arbeitnehmer einen Lohn in dieser Größenordnung, ein stabiler, aber hoher Anteil, der sich auf Branchen konzentriert, in denen die Arbeitsbedingungen ohnehin schon am schwierigsten sind.

Zu diesen wirtschaftlichen Schwächen kommen noch jene hinzu, die mit der Qualität der Arbeitsplätze zusammenhängen. Der Quality of Work Index zeigt eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer, einen Anstieg des Substanzkonsums und eine anhaltende Beeinträchtigung des Privatlebens durch die Arbeit. Die Anforderungen am Arbeitsplatz steigen schneller als die zur Verfügung stehenden Ressourcen, was das Risiko von Überlastung und Burnout erhöht. Diese Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen: Sie führen zu einer Zunahme der Absichten, den Arbeitsplatz zu wechseln, und zu einer Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens der Arbeitnehmer.

Letztendlich bestätigt diese Ausgabe 2025 eine unumgängliche Realität: Auch wenn der nationale Wohlstand weiterhin wächst, führt dies nicht zu einer angemessenen Verbesserung der Lebensbedingungen. Das Land steht nun vor einer zentralen Herausforderung: eine gerechtere Verteilung des geschaffenen Mehrwerts wiederherzustellen, seine Sozialpolitik zu stärken und den Kampf gegen die Armut am Arbeitsplatz wieder ganz oben auf die politische Agenda zu setzen. Die Zahlen zeigen, dass die soziale Notlage sehr real ist.

Dieser Artikel wurde im Aktuell veröffentlicht (5/2025)