Gewalt in der Schule wird häufig als eine Aneinanderreihung einzelner Vorfälle dargestellt. Die Ergebnisse der vom SEW/OGBL unter 1.115 Bildungsfachkräften durchgeführten Umfrage zeigen jedoch, dass es sich um ein weitaus tiefergehendes Phänomen handelt, das nicht nur die Schüler, sondern auch Lehrkräfte und pädagogisches Personal betrifft.
Fast drei Viertel der Befragten geben an, in den vergangenen zwölf Monaten psychische und/oder körperliche Gewalt erlebt zu haben. Beleidigungen, unbegründete Anschuldigungen, Drohungen, Demütigungen oder körperliche Übergriffe gehören inzwischen zum Alltag vieler Lehrkräfte. Noch besorgniserregender ist, dass laut Umfrage fast 40 % der Betroffenen mindestens einmal pro Woche oder sogar täglich mit solchen Situationen konfrontiert werden.
Die gesammelten Erfahrungsberichte zeigen ein beunruhigendes Phänomen: die Banalisierung von Gewalt. Mehrere Teilnehmende erklären, dass sie bestimmte aggressive Verhaltensweisen nach und nach als Teil ihres Berufs akzeptiert hätten.
Ich wurde geschlagen aber es war nicht fest.
(Kommentar einer Lehrerin in unserer Umfrage)
Dabei sollte kein Beruf Beleidigungen, Drohungen oder Übergriffe als „normale“ Alltagsrisiken betrachten müssen.
Zwar sind Schülerinnen und Schüler die Hauptverursacher der gemeldeten Gewaltvorfälle, die Umfrage beleuchtet jedoch auch die Rolle bestimmter Eltern. Fast ein Drittel der Befragten gibt an, Opfer verbaler oder psychischer Angriffe durch Eltern oder Erziehungsberechtigte geworden zu sein. Aggressives Verhalten, Demütigungen, Drohungen oder Anfeindungen im Internet tragen zusätzlich dazu bei, Lehrkräfte zu belasten, die ohnehin bereits unter erheblichem Druck stehen.
Ein weiterer Teil der Umfrage befasst sich mit Gewalt zwischen Schülern. Mehr als 80 % der Teilnehmenden geben an, im vergangenen Jahr Zeugen schwerwiegender Vorfälle geworden zu sein. Mobbing, psychische Gewalt, Demütigungen, Online-Angriffe, Erpressung oder Schlägereien werden regelmäßig in den Schulen beobachtet. Für mehr als die Hälfte der Befragten treten solche Vorfälle mehrmals pro Woche auf.
Diese Situationen haben erhebliche Auswirkungen auf das Schulklima. Mehrere Kommentare berichten von Schülern, die sich in der Schule nicht mehr sicher fühlen, sowie von Eltern, die um den Schutz ihrer Kinder besorgt sind. Einige Erfahrungsberichte erwähnen sogar Familien, die sich aufgrund wiederholter Gewalterfahrungen entschieden haben, ihr Kind von einer Schule zu nehmen.
Eine der besorgniserregendsten Feststellungen betrifft jedoch den Umgang mit solchen Situationen. Mehr als 70 % der Befragten sind der Ansicht, dass Gewaltvorfälle nicht systematisch erfasst werden. Viele sind zudem der Meinung, dass die Verursacher nur selten tatsächliche Konsequenzen zu tragen haben. Die ergriffenen Maßnahmen beschränken sich häufig auf Gespräche oder pädagogische Maßnahmen, deren Wirksamkeit als unzureichend bewertet wird.
„Wenn solche Fälle der Direktion gemeldet werden, fragt die Direktion: ‚Was haben Sie vor zu tun?‘ oder ‚Was können Sie besser machen?‘ Das verstärkt die Schuldgefühle, die man in solchen Situationen ohnehin hat.“
Die Folgen für die Gesundheit des Personals sind erheblich. Drei Viertel der Befragten geben an, Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden verspürt zu haben: Angstzustände, chronischer Stress, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden oder Burn-out. Insgesamt erklären 246 Personen, dass sie aufgrund von Gewalterfahrungen im schulischen Kontext bereits krankgeschrieben waren.
Diese Realität gefährdet auch die Attraktivität des Berufs. Fast zwei Drittel der Teilnehmenden geben an, aufgrund der erlebten Gewalt bereits darüber nachgedacht zu haben, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder den Beruf ganz aufzugeben.
Diese Ergebnisse müssen alle Akteure des Bildungssystems und insbesondere das Bildungsministerium zum Handeln bewegen. Gewalt an Schulen ist kein Randphänomen. Sie beeinträchtigt die Lernbedingungen der Schüler, die Gesundheit des Personals und das Funktionieren der Schulen. Angesichts dieser Situation ist es unerlässlich, die Prävention zu stärken, eine systematische Erfassung der Vorfälle sicherzustellen, das Personal besser zu schützen und tatsächlich wirksame Maßnahmen umzusetzen. Ein sicheres Umfeld für Schüler ebenso wie für die Bildungsfachkräfte zu gewährleisten, ist heute eine Notwendigkeit.
Dieser Artikel wurde im Aktuell veröffentlicht (3/2026)
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