{"id":1141,"date":"2012-03-15T15:35:26","date_gmt":"2012-03-15T14:35:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ogbl.lu\/communiques\/lettre-ouverte-a-monsieur-ernst-wilhelm-contzen-president-de-labbl"},"modified":"2023-06-13T12:37:37","modified_gmt":"2023-06-13T10:37:37","slug":"lettre-ouverte-a-monsieur-ernst-wilhelm-contzen-president-de-labbl","status":"publish","type":"communiques","link":"https:\/\/www.ogbl.lu\/de\/communique\/lettre-ouverte-a-monsieur-ernst-wilhelm-contzen-president-de-labbl\/","title":{"rendered":"Offener Brief an Herrn Ernst Wilhelm Contzen, Pr\u00e4sident der ABBL"},"content":{"rendered":"<p>Das Syndikat Banken und Versicherungen des OGBL hat von Ihrer als Pr\u00e4sident der Bankenvereinigung (ABBL) gemachten Absichtserkl\u00e4rung, gegen die Interessen der Arbeitnehmer und Rentner des Finanzsektors zu wirken, Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Weil Sie der Meinung sind, die Lohnkosten in Luxemburg seien zu hoch, da h\u00f6her als in Deutschland, f\u00fchlen Sie sich berufen Ihren ganzen Einsatz deren Senkung zur Steigerung der Attraktivit\u00e4t des Finanzplatzes und zu dessen Absicherung zu widmen. Nun sollte man sich aber nicht ausschlie\u00dflich auf den Lohnkostenvergleich beschr\u00e4nken, sondern auch die Produktivit\u00e4t mit in Betracht ziehen. Diese liegt in Luxemburg n\u00e4mlich h\u00f6her als in Deutschland und rechtfertigt somit die h\u00f6heren L\u00f6hne in Luxemburg.<\/p>\n<p>Sie machen sich nicht nur f\u00fcr die Abschaffung des Systems der Indexierung der L\u00f6hne und Renten in Luxemburg stark, sondern Sie stellen auch die Kollektivvertr\u00e4ge im Finanzsektor in Frage und Sie gehen sogar soweit eine Verringerung der Urlaubstage der Arbeitnehmer des Finanzsektors zu fordern!<\/p>\n<p>&#8211; Sie greifen den Index und die Kollektivvertr\u00e4ge an, die laut Ihren Aussagen, zu einem gro\u00dfen Teil Schuld an der Inflation und der Kaufkraftschw\u00e4chung seien. Wie oft noch werden wir beweisen m\u00fcssen, dass der Index weder die Kompetitivit\u00e4t beeintr\u00e4chtig noch die Inflation in Luxemburg anheizt. Die Lohnentwicklung kann nicht f\u00fcr die Entwicklung der Inflation in Luxemburg verantwortlich gemacht werden. Diese ist nun mal mit den Preisfluktuationen der Rohstoffe auf den Weltm\u00e4rkten verbunden sowie mit der \u00fcbertriebenen Erh\u00f6hung verschiedener festgelegter staatlicher und kommunaler Preise wie der Wasserpreis und andere kommunale Taxen, die Beteiligung der Versicherten an den Gesundheitskosten usw. Ein Teil der luxemburgischen Inflation ist also \u00abhausgemacht\u00bb.<\/p>\n<p>Die Indexierung der L\u00f6hne und Pensionen ist im eigentlichen Sinn kein Instrument der Lohnpolitik, sondern ein Instrument zur Aufrechterhaltung der Kaufkraft der B\u00fcrger. Es handelt sich in der Tat um eine nachtr\u00e4gliche Kompensierung der bereits stattgefundenen Verbraucherpreiserh\u00f6hung (Inflation). Das Indexsystem tr\u00e4gt dazu bei, den Geldwert f\u00fcr die Verbraucher zu erhalten.<\/p>\n<p>Luxemburg ist nicht Deutschland, h\u00f6ren wir also auf diese beiden L\u00e4nder zu vergleichen! So ist die Anpassung der L\u00f6hne an die Inflation traditionsgem\u00e4\u00df in Luxemburg kein Element der Tarifverhandlungen. Diese Anpassung findet n\u00e4mlich bereits automatisch durch das Indexgesetz statt. Demzufolge wird in den Tarifverhandlungen ausschlie\u00dflich die reale Entwicklung der L\u00f6hne ber\u00fccksichtigt (zus\u00e4tzlich zur Anpassung der L\u00f6hne an die Inflation).F\u00fcr die Gewerkschaften bedeutet \u00abreale Lohnentwicklung\u00bb Anpassung der L\u00f6hne an die Produktivit\u00e4tsentwicklung und die Wirtschaftsergebnisse der Unternehmen. Ohne Index, oder bei einem nach hinten verschobenen Index, s\u00e4hen die Gewerkschaften sich gezwungen das Ausgleichen des durch die Inflation bedingten Kaufkraftverlusts in die Tarifverhandlungen miteinflie\u00dfen zu lassen, wohlwissend, dass dies sie schwieriger gestalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Man darf auch nicht vergessen, dass in Luxemburg die Sozialabgaben f\u00fcr die Unternehmen die niedrigsten in Europa sind, was wiederum den in Luxemburg niedergelassenen Firmen einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil verschafft, auch gegen\u00fcber Deutschland.<\/p>\n<p>Sie schm\u00e4hen auch die 33,5 Urlaubstage der Arbeitnehmer des Finanzsektors unter 50 Jahren und sie wollen die Juni-Pr\u00e4mie abschaffen.<\/p>\n<p>Schade, dass man auch in diesem Fall daran erinnern muss, dass die 33,5 im Kollektivvertrag zugestandenen Urlaubstage in der Kompensation verschiedener Bankenfeiertage bestehen an denen die Banken fr\u00fcher kollektiv geschlossen waren und die nun seit diesem Tausch normale Arbeitstage sind. Diese neuen Arbeitstage geben den Banken die M\u00f6glichkeit ihre Aktivit\u00e4ten aufrecht zu erhalten und ihre Gewinne auf Kosten des Familien- und Privatlebens ihrer Arbeitnehmer zu erh\u00f6hen. Ein anderer Teil ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Bankenvereinigung ABBL im Rahmen der Kollektivvertragsverhandlungen manchmal bevorzugte zus\u00e4tzliche freie Tage anstatt Lohnerh\u00f6hungen zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Was nun die Juni-Pr\u00e4mie (Urlaubsgeld) anbelangt, so wurde auch diese als Gegenleistung zum Verzicht auf lineare Lohnerh\u00f6hungen zugestanden und muss, davon ausgehend, dass sie unver\u00e4ndert w\u00e4hrend 10 Jahren ausbezahlt wurde, als Errungenschaft betrachtet werden.<\/p>\n<p>Aber, Herr Contzen, wie k\u00f6nnten Sie, der nicht an jenen Verhandlungen teilgenommen hat, diese Details auch kennen. Vielleicht sollten Sie, und wir raten Ihnen dazu, sich k\u00fcnftig besser informieren, bevor sie beleidigend zu den Gewerkschaften werden.<\/p>\n<p>Um die Lage der Banken geradezubiegen und das Staatsdefizit einzud\u00e4mmen, schlagen Sie ausschlie\u00dflich Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Arbeitnehmer vor. Doch was haben Sie eigentlich seit Ihrer Amts\u00fcbernahme der Pr\u00e4sidentschaft der ABBL getan, Herr Contzen, um den Banken w\u00e4hrend der Krise zu helfen?<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen Ihnen versichern, dass das Syndikat Banken und Versicherungen des OGBL in den vergangen Jahren verantwortungsbewusst gehandelt hat. So leisteten wir unseren Beitrag zum Arbeitsplatzerhalt und zum Fortbestand des Finanzplatzes indem wir bei allen Verhandlungen zur Erneuerung des Kollektivvertrags stets nur mit au\u00dferordentlich moderaten Forderungen auftraten. Im Gegenzug erfuhren wir durch die Presse und Indiskretionen hie und da, dass die Top-Manager weiterhin regelrecht unanst\u00e4ndige L\u00f6hne und Boni einstreichen, obwohl es der Steuerzahler war, der die Hauptbanken des Finanzplatzes in 2008\/2009 rettete und damit auch dessen guten Ruf. In der Tat, dank seiner beherzten Zustimmung konnte schlussendlich der Steuerzahler den Finanzplatz und sein internationales Renommee durch eine gelungene Stabilisation in \u00e4u\u00dferst turbulenten Zeiten sichern. Und sind Sie sich eigentlich noch bewusst wer das gr\u00f6\u00dfte Steuerpaket in Luxemburg zahlt? Die Arbeitnehmer und die Verbraucher (Einkommenssteuer und MwSt.)!<\/p>\n<p>Der OGBL hat mehr als nur eine konstruktive Rolle bei der Bankenrettung 2008 und 2009 gespielt. Und wieder einmal: Welches war Ihr pers\u00f6nliches Zutun zur Bankenrettung w\u00e4hrend der Finanzkrise, die \u00fcbrigens durch Ihresgleichen verschuldet wurde, Herr Contzen? Was unternehmen Sie heute, um die Kosten im Finanzsektor zu senken? Verzichten Sie auf einen Teil Ihres Gehalts, Ihres Bonus? Und Ihre Kollegen der oberen Etagen? Sie, der so gerne Tacheles redet, verraten Sie uns doch bitte wie es um die soziale Verantwortung der Top-Manager steht.<\/p>\n<p>Im Januar 2012 war die Bilanzsumme der Banken in Luxemburg weiter gestiegen. Gleichzeitig nahm die Zahl der Entlassungen und der bereits verhandelten Sozialpl\u00e4ne stetig zu. K\u00fcnftig werden die Gewerkschaften mehr Transparenz betreffend die von den Finanzinstituten get\u00e4tigten Investitionen und die Aussch\u00fcttung der Dividenden verlangen.<\/p>\n<p>Laut eigenen Aussagen wollen Sie die Probleme Luxemburgs l\u00f6sen, eines Landes, das Ihnen am Herzen liegt. Als st\u00e4rkste Gewekschaft in Luxemburg verfolgt der OGBL das gleiche Ziel, dies allerdings ohne die soziale Gerechtigkeit und den sozialen Frieden zu opfern.<\/p>\n<p>Herr Contzen, dr\u00e4ngt sich da nicht ein Paradigmenwechsel auf? Es ist an der Zeit den bereits zulange aufgrund der ultra-liberalen und anti-sozialen Patronatsforderungen kr\u00e4nkelnden Sozialdialog wiederherzustellen. Es waren \u00fcbrigens diese \u00fcberzogenen Anspr\u00fcche, die die Gewerkschaften dazu bewogen der im Dezember 2011 vorgesehenen Tripartite fern zu bleiben. Denn welche Antwort kann eine Gewerkschaft wohl auf eine Patronatsforderung wie die 52-Stunden-Woche geben?<\/p>\n<p>Es wird Zeit, dass Sie sich ins Bewusstsein zur\u00fcckrufen, dass hinter jedem Arbeitsplatz des Luxemburger Finanzsektors eine Frau oder ein Mann stehen, die tagt\u00e4glich ob ihrer Kompetenzen dazu beitragen, den Finanzplatz, der 1\/3 des BIP des Landes ausmacht, als einen der Hauptpfeiler der Wirtschaft zu erhalten. Von einer Finanzkrise mit nicht enden wollenden Auswirkungen in Luxemburg und ganz Europa gebeutelt, w\u00fcnschen sich diese M\u00e4nner und Frauen nichts mehr als eine angemessene Wertsch\u00e4tzung ihres Einsatzes, der eigentlich durch den Erhalt ihrer Arbeitspl\u00e4tze und ihrer Kaufkraft belohnt werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><strong>Mitgeteilt vom Syndikat Banken und Versicherungen des OGBL<br \/>\nam 15. 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