{"id":102534,"date":"2026-06-18T10:40:15","date_gmt":"2026-06-18T08:40:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ogbl.lu\/?post_type=communiques&#038;p=102534"},"modified":"2026-06-18T10:40:15","modified_gmt":"2026-06-18T08:40:15","slug":"la-plus-grande-force-dopposition","status":"publish","type":"communiques","link":"https:\/\/www.ogbl.lu\/de\/communique\/la-plus-grande-force-dopposition\/","title":{"rendered":"Die gr\u00f6\u00dfte Oppositionskraft"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDie gr\u00f6\u00dfvte Oppositionskraft gegen die liberal-konservative Regierung\u201c\u00a0 werde die Gewerkschaftsbewegung sein, hatte OGBL-Pr\u00e4sidentin Nora Back am Tag nach der Wahl des ehemaligen Handelskammer-Pr\u00e4sidenten Luc Frieden zum Premierminister verlauten lassen \u2013 und damit f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Bis heute wird versucht, diese Aussage gegen sie zu verwenden, zuletzt vom CSV-Fraktionsvorsitzenden Laurent Zeimet, f\u00fcr den Gewerkschaften wohl keinen politischen Anspruch haben sollten.<\/strong><\/p>\n<p><em>Mission accomplie,\u00a0 <\/em>kann die Gewerkschaftsbewegung heute sagen.<\/p>\n<p>Bereits kurz nach Antritt der schwarz-blauen Regierung wurden die Gewerkschaften durch Arbeitsminister Mischo gewissermassen zum Hauptgegner erkl\u00e4rt. Ihre Repr\u00e4sentativit\u00e4t wurde in Frage gestellt, ihre Rolle im Luxemburger Sozialmodell angegriffen und ihre Verhandlungsrechte sollten beschnitten werden. Das Ziel war offensichtlich: den Einfluss der Gewerkschaften zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und den Weg f\u00fcr eine Reihe von Reformen freizumachen \u2013 von der Rentenpolitik \u00fcber die Arbeitszeit bis hin zum Arbeitsrecht.<\/p>\n<p>Der Plan ging jedoch nicht auf. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Mischo legte sich bekanntlich \u00fcberaus schlecht an und brachte die beiden gro\u00dfen national repr\u00e4sentativen Gewerkschaften OGBL und LCGB n\u00e4her zusammen als je zuvor. Als sich dann auch noch eine besch\u00e4ftigtenfeindliche Rentenreform abzeichnete und die \u00d6ffnungszeiten im Handel flexibilisiert werden sollten, entstand aus dieser Zusammenarbeit zun\u00e4chst die Gewerkschaftsfront und sp\u00e4ter die Gewerkschaftsunion. Die Mobilisierung nahm zu, eine nationale Demonstration wurde angek\u00fcndigt, und als Luc Frieden in seiner Rede zur Lage der Nation drei Jahre l\u00e4nger arbeiten f\u00fcr alle versprach, war endg\u00fcltig klar: Die Gewerkschaften waren an dem Punkt angelangt, den Nora Back nach Friedens Wahl angek\u00fcndigt hatte. Sie waren zur zentralen Oppositionskraft geworden.<\/p>\n<p>Aus der Gewerkschaftsfront wurde die Gewerkschaftsunion mit festen Strukturen und einem gemeinsamen Auftreten auf allen Ebenen. Aus der Ank\u00fcndigung einer Demonstration wurde die gr\u00f6\u00dfte soziale Mobilisierung seit 1982, mit 25.000 Teilnehmenden.<\/p>\n<p>Es waren diese 25.000 Menschen, die am Ende daf\u00fcr sorgten, dass die Regierung Frieden zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden konnte. Aus der gross angek\u00fcndigten Rentenreform wurde ein Ref\u00f6rmchen, bei den \u00d6ffnungszeiten im Handel wurde teilweise zur\u00fcckgerudert, der Angriff auf die Verhandlungsrechte der Gewerkschaften abgeblasen \u2013 und Georges Mischo musste gehen.<\/p>\n<p>Doch damit war der Konflikt nicht beendet. W\u00e4hrend der gesamten Dauer des Sozialkonflikts hatten die Gewerkschaften eine Tripartite gefordert, mit dem Ziel, das Sozialmodell zu verteidigen und Antworten auf die soziale Krise zu finden. Fast zwei Jahre lang verweigerte sich die Regierung diesem Schritt. Am Ende blieb Premierminister Frieden jedoch nichts anderes \u00fcbrig, als \u00fcber seinen Schatten zu springen.<\/p>\n<p>Und damit nicht genug: Nicht nur die Einberufung einer Tripartite konnte die Gewerkschaftsunion durchsetzen, sondern weitgehend auch deren Tagesordnung. Mindestlohn, Kaufkraft, Energiepreise, Wohnungskrise, \u00f6kologische Transition und Sozialdialog wurden zu zentralen Themen der Verhandlungen. Fast noch wichtiger war jedoch, was nicht auf der Tagesordnung stand: Der Index. Ein Novum in der Luxemburger Sozialgeschichte und ein erster wichtiger Punktsieg der Gewerkschaftsunion.<\/p>\n<p>Nach drei Tagen intensiver Verhandlungen stand fest: Die Gewerkschaften gingen als Gewinner aus der Tripartite hervor. Eine Erh\u00f6hung des Netto-Mindestlohns um 200\u2005\u20ac, Energiehilfen f\u00fcr die Haushalte, Unterst\u00fctzung f\u00fcr die den energetischen Strukturwandel, neue Instrumente zur St\u00e4rkung des Sozialmodells \u2013 und vor allem keine einzige Verschlechterung f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten und ihre Familien. Keine Indexmanipulation, keine sozialen R\u00fcckschritte, keine Gegenleistungen der Gewerkschaften ausser der R\u00fcckkehr an den Verhandlungstisch.<\/p>\n<p>Eine Tripartite \u2013 wohlgemerkt ein Kriseninstrument, in dessen Rahmen die Gewerkschaften historisch fast immer Abwehrk\u00e4mpfe liefern mussten \u2013, in der ausschliesslich Fortschritte f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten und ihre Familien erzielt wurden: ein absolutes Novum.<\/p>\n<p>Nicht nur hat die Gewerkschaftsbewegung durch ihren Druck auf der Strasse, in den Medien und am Verhandlungstisch eine Tripartite erzwungen, sie hat auch deren Tagesordnung bestimmt und sich auf ihren zentralen Punkten weitgehend durchgesetzt. Dieses Ergebnis kann nur als politischer Triumph der Gewerkschaftsunion verstanden werden \u2013 als Resultat des Drucks, der \u00fcber zwei Jahre hinweg aufgebaut wurde.<\/p>\n<p>Wer daraus schliesst, die Gewerkschaften h\u00e4tten mit der Unterzeichnung dieses Abkommens ihre Rolle als Opposition aufgegeben, verkennt die Realit\u00e4t. Die Gewerkschaftsunion hat von Anfang an klar gemacht: So lange wie m\u00f6glich am Verhandlungstisch, sobald wie n\u00f6tig auf der Strasse. Die Einigung beendet weder die sozialen Konflikte noch die gewerkschaftlichen Forderungen. Sie ist kein sozialer Frieden, sondern bestenfalls ein Waffenstillstand.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist die gerade erst eingel\u00e4utete Offensive keineswegs vorbei. F\u00fcr mehr und bessere Kollektivvertr\u00e4ge, f\u00fcr bessere L\u00f6hne, f\u00fcr eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich, f\u00fcr die sechste Urlaubswoche, aber auch f\u00fcr einen breit angelegten <em>New Deal<\/em> f\u00fcr Luxemburg. Diese Themen werden die politische Debatte der kommenden Jahre pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Genau hier liegt auch die Antwort auf all jene, die den Gewerkschaften ihre politische Rolle absprechen wollen.<\/p>\n<p>Gerade in Luxemburg mit seiner besonderen demografischen Situation kommt den Gewerkschaften eine besondere Rolle zu. Wenn zwei Drittel der Besch\u00e4ftigten in einem Land nicht \u00fcber das Wahlrecht bei Parlamentswahlen verf\u00fcgen, sind die Gewerkschaften wahrscheinlich die einzige gesellschaftliche Kraft, die die Interessen aller Lohnabh\u00e4ngigen vertreten \u2013 unabh\u00e4ngig von Staatsb\u00fcrgerschaft oder Wohnort.<\/p>\n<p>Deswegen sind Warnungen vor einem\u00a0 \u201eParlament neben dem Parlament\u201c oder Verweise auf die Vorrangstellung der Abgeordnetenkammer, die niemand in Frage stellt, fehl am Platz. Gewerkschaften ersetzen keine Parteien und kein Parlament. Sie organisieren Interessen, schaffen Gegenmacht und sorgen daf\u00fcr, dass die Stimme der Besch\u00e4ftigten auch zwischen den Wahlen geh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind die Gewerkschaften in Luxemburg demokratisch legitimiert, und zwar \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte demokratische Wahl des Landes, n\u00e4mlich die Wahl zur Chambre des Salari\u00e9s, an der \u00fcber 600.000 Wahlberechtigte teilnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Umso wichtiger wird vor diesem Hintergrund das sogenannte Luxemburger Modell, in dem den Sozialpartnern eine zentrale Rolle zugestanden wird. Sozialer Fortschritt wurde in Luxemburg nie ausschliesslich im Parlament erk\u00e4mpft. Er entstand immer aus dem Zusammenspiel von gewerkschaftlicher Mobilisierung, gesellschaftlichem Druck, Verhandlungen und politischen Entscheidungen. Die Grenzen sind fliessend.<\/p>\n<p>Anstatt Angst vor den Forderungen und der St\u00e4rke der Gewerkschaftsunion zu haben und sie als Konkurrenz zu begreifen, sollten progressive politische Kr\u00e4fte die gewerkschaftliche Opposition als komplement\u00e4r zu ihrer eigenen sehen und das Wechselspiel zwischen Gewerkschaftsarbeit und parlamentarischer Arbeit nicht als Widerspruch, sondern als zwei Seiten derselben Medaille begreifen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsbewegung hat im vergangenen Jahr ein historisches Niveau an Einheit erreicht \u2013 und eindrucksvoll aufgezeigt, welche St\u00e4rke ihr diese Einheit verleiht. Auch \u00fcber die Gewerkschaftsbewegung hinaus sollte die Einheit all jener, die an Demokratie, soziale Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt glauben, oberstes Gebot sein.<\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel wurde im Aktuell ver\u00f6ffentlicht (3\/2026)<\/strong><\/p>","protected":false},"author":4,"featured_media":102538,"template":"","categorie_communiques":[41],"syndicat":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v23.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\r\n<title>Die gr\u00f6\u00dfte Oppositionskraft - OGBL<\/title>\r\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\r\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.ogbl.lu\/communique\/la-plus-grande-force-dopposition\/\" \/>\r\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\r\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\r\n<meta property=\"og:title\" content=\"[:fr]La plus grande force d\u2019opposition[:de]Die gr\u00f6\u00dfte Oppositionskraft[:] - 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