5 Juli 2012

Interview mit Prof. Dr. Helmut Willems und Dipl.-Soz. Andreas Heinen

Welche Herausforderungen und Zukunftsperspektiven für die jungen Generationen Luxemburgs?

Helmut Willems

Am Rande einer Konferenz, zu welcher die Jugendabteilung des OGBL am 4. Juni ins Exit07 (Carré Rotondes) einlud, um über die Probleme und Perspektiven von jungen Menschen zu diskutieren, unterhielten wir uns mit den Referenten Prof. Dr. Helmut Willems und seinem Assistenten Andreas Heinen. Die beiden Sozialwissenschaftler der Universität Luxemburg sind sehr aktiv in der Jugendforschung und waren u.a. Mitarbeiter beim ersten großen nationalen Jugendbericht (2010).

Aktuell: Sie waren Gastredner auf unserer Jugendkonferenz. Was war Ihr Eindruck von diesem Abend?

Die Veranstaltung ist auf große Resonanz gestoßen. Die Diskussionen mit den Teilnehmern haben gezeigt, dass sich viele Menschen im Land Gedanken über die Situation der Jugendlichen machen. Besonders beeindruckt hat uns dabei das hohe Bewusstsein der Teilnehmer darüber, dass die junge Generation heute mit mehr Unsicherheiten konfrontiert ist, was die berufliche Zukunft angeht.

Aktuell: Die Jugend an sich gibt es nicht. Aber wie würden Sie die jungen Menschen von heute beschreiben?

Junge Menschen wachsen heute mit einem Mehr an Wahlmöglichkeiten auf. Sie können sich im Vergleich zu früheren Generationen viel selbstbestimmter für den einen oder anderen Lebensweg entscheiden. Das gilt für berufliche Entscheidungen genauso wie für die Wahl der privaten Lebensentwürfe. Nach wie vor hat aber die soziale Herkunft der Jugendlichen, also das Elternhaus, einen hohen Einfluss auf die Startchancen.

Aktuell: Anfang Juni teilte das Statistikamt Statec mit, dass sich ein neuer Rekord bei der Einwanderung verzeichnen ließe. Die Zahl der Einwanderer in Luxemburg ist im letzten Jahr sehr stark angestiegen. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für das Aufwachsen in Luxemburg?

Junge Menschen in Luxemburg treffen heute im Alltag immer häufiger auf Gleichaltrige anderer Herkunft. Einerseits ist das eine unglaubliche Bereicherung, die vielfältige Chancen mit sich bringt, wenn Sie zum Beispiel an die Entwicklung von Sprach- aber auch interkulturellen Kompetenzen denken. Andererseits ergibt sich aus dieser Situation ebenfalls eine Reihe von Herausforderungen. So bestehen u.a. hinsichtlich der gesellschaftlichen und politischen Beteiligung von Migranten noch große Defizite.

Aktuell: Nehmen wir als Beispiel die Bildung und Ausbildung als Herausforderung: Haben die Kinder und Jugendlichen in Luxemburg eigentlich die gleichen Bildungschancen?

Die einschlägigen Studien zeigen, dass die Bildungschancen ungleich verteilt sind. Jugendliche aus niedrigen sozialen Milieus sowie verschiedene Migrantengruppen schneiden in der Schule im Vergleich zu anderen Gruppen deutlich schlechter ab. Eine bemerkenswerte Entwicklung ist, dass Mädchen heute erfolgreich im Bildungssystem sind. Sie machen im Vergleich zu den Jungen höhere Bildungsabschlüsse und brechen seltener die Schule ohne Abschluss ab. Das war lange Zeit umgekehrt.

Aktuell: Oft wird vorgebracht, dass der Übergang zur Arbeitswelt sich nicht mehr so einfach gestaltet wie noch bei den vorherigen Generationen. Wie würden Sie die heutige Transition ins Berufsleben charakterisieren?

Wir beobachten für Luxemburg schon seit mehreren Jahren, dass Jugendliche mit größeren Schwierigkeiten beim Übergang in den Beruf konfrontiert sind. Das zeigt sich an dem starken Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit im Laufe der vergangenen zehn Jahre. Heute liegt die Jugendarbeitslosenquote bei etwa 15%. In einem Land mit einer insgesamt eher geringen Arbeitslosenquote ist das ein sehr hoher Wert. Jugendliche ohne oder mit niedrigem Schulabschluss sind besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Aber in der heutigen Situation bieten selbst hohe Bildungsabschlüsse keine Jobgarantie; eine zunehmende Zahl von Jugendlichen mit Abitur oder einem Hochschulabschluss hat heute Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Zugleich ist die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse beim ersten Berufseintritt – dazu zählen etwa befristete oder gering bezahlte Arbeit – deutlich angestiegen. All diese Entwicklungen führen zu erhöhten Unsicherheiten bei den Jugendlichen, stellen oft auch private Lebensplanungen (Heirat, Kinder … ) in Frage.

Aktuell: Ein rückläufiges Politikinteresse und eine Distanz der Jugendlichen gegenüber der traditionellen Politik sind zu beobachten, allerdings sind viele junge Menschen an unkonventionellen Partizipationsformen interessiert. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Andreas Heinen

Unsere Forschungen haben gezeigt, dass nur eine Minderheit der Jugendlichen sich für die traditionelle Parteipolitik interessiert und in Parteien engagiert ist. Die Ursachen dafür können unterschiedlich sein. So etwa Enttäuschungen von der Politik und über Politiker oder auch ein unklares Demokratieverständnis. Jedoch sind Jugendliche nicht uninteressiert an gesellschaftspolitischen Problemen. Ihr Umgang damit und ihre Art sich zu engagieren haben sich verändert. Jugendliche engagieren sich heute eher punktuell und temporär oder zum Beispiel über das Internet und soziale Netzwerke. Das kommt auch ihrem Bedürfnis nach Unmittelbarkeit und konkreten, zielgerichteten Aktionen entgegen.

Aktuell: Nun noch abschließend eine Frage: Welche Zukunftsperspektiven stellen sich den jungen Generationen in Luxemburg und mit welchen Herausforderungen haben sie zu kämpfen?

Gefragt nach ihrer persönlichen Zukunftssicht äußern sich luxemburgische Jugendliche zum überwiegenden Teil optimistisch. Der Begriff der „lost generation“, mit dem die heutige Jugendgeneration in einigen Ländern Europas beschrieben wird, trifft für die luxemburgischen Jugendlichen sicherlich nicht zu. Wir sehen aber drei wichtige Herausforderungen für die Zukunft. Dazu gehören erstens die Herstellung von Chancengleichheit im Bildungssystem, zweitens die gesellschaftliche Integration von Migrantinnen und Migranten, sowie drittens die Unterstützung Jugendlicher beim Übergang in den Arbeitsmarkt.

Aktuell: Wir bedanken uns sehr herzlich für das interessante Gespräch.

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