6 Dezember 2016

Mehrsprachige Erziehung braucht klare Ziele

enfants_jouent_dehorsDas SEW/OGBL ist der Meinung, dass die Schule den gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung tragen muss und daher die Mehrsprachigkeit als absolut fördernswert ansieht. ist und Es teilt in dem aktuellen Kontext die Sorge des Ministers, unseren Kindern mehr Französisch beizubringen. Es ist aber nicht einverstanden mit der Vorgehensweise des Ministers, die riskiert mehr Schaden anzurichten als Nutzen zu bringen.

Am 8. November stellten der Erziehungsminister, die AIP und das SNE/CGFP ein Abkommen zu den Richtlinien der Erziehungspolitik im ersten Zyklus vor. Dieses Abkommen sieht eine Annäherung zwischen Grundschule und paraschulischen Einrichtungen, sowie ein neues Konzept zur Mehrsprachigkeit im ersten Zyklus vor. Zukünftig sollen die Lehrer des ersten Zyklus sich über ein gemeinsames Konzept für eine mehrsprachige Erziehung beraten. Neben einer Sensibilisierung zu den in Bezug auf die verschiedenen Sprachen und einer Einführung ins Französische, soll die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzen im Luxemburgischen eine Vorrangstellung genießen. Obwohl die konkrete Umsetzung des Konzepts den Lehrern des ersten Zyklus obliegt, wurden die Prinzipien festgelegt ohne sie zu befragen.

Wer hat den Minister von dieser Vorgehensweise überzeugt? Gibt es eine Studie zur Machbarkeit dieses Unterfangens? In welchem Rahmen, mit welchen Schülern und mit welchen Lehrern wurde das erprobt?

Für die meisten Lehrer des ersten Zyklus steht fest, dass der Minister die Praxis in den Schulen nicht kennt. Doch was bewegte eine Lehrer-Gewerkschaft dazu, ihr Einvernehmen zu geben?

Wenn das SEW/OGBL diese Vorgehensweise heftig kritisiert, dann geht es ihm vor allem darum, dass die Kinder in der Grundschule die drei Landessprachen wirklich lernen und auch noch die Motivation und die Fähigkeit zum Erlernen weiterer Sprachen bewahren. Französisch und Deutsch sind wichtige Sprachen für alle Einwohner Luxemburgs. Das Erlernen dieser Sprachen stellt eine wichtige Herausforderung für die Zukunft des Landes, das Zusammenleben und die kulturelle Bereicherung jedes Einzelnen dar. Wenn man die Kinder dazu bringen möchte sehr früh in 2 verschiedenen Sprachen zu interagieren, dann muss man sie in Situationen versetzen, in denen sie unterschiedlichen Personen begegnen die sie in diesen Sprachen anreden.

Das SEW/OGBL ist der Meinung, dass in einem solch vielsprachigen Land wie Luxemburg das Erlernen der 3 Landessprachen in der Grundschule auf einem höchst prekären Aufbau beruht, den man nicht durch leichtfertige Experimente gefährden sollte.

Die meisten Studien beweisen, dass der Erwerb einer zweiten Sprache unterschiedlich erfolgt je nachdem, ob sie in einem schulischen oder außerschulischen Rahmen durch Interaktion in einem fremdsprachlichen Milieu erlernt wird. Junge Kinder sind in der Tat sehr aufnahme-bereit für neue Sprachen, wenn sie regel-mäßig in Kontakt sind mit fremdsprachigen Erwachsenen: mehrsprachige Kinder, deren Eltern verschiedene Sprachen sprechen und oft auch noch über eine Drittsprache miteinander reden, oder Kinder, welche regelmäßig eine anderssprachige Tages-stätte besuchen. Junge Kinder haben ein großes Bedürfnis, mit den Erwachsenen, welche sie umgeben, in Kontakt zu treten, und übernehmen deshalb spontan neue Sprachen. Im schulischen Kontext geschieht dieses Erlernen über andere Kanäle.

Der erste Zyklus steht genau am Scheideweg zwischen diesen Herangehensweisen. Die Lehrer hatten dort bisher klare Aufträge, die sie mit großer Ausdauer und mit beachtlichem Erfolg erledigten. Im Sprachen-bereich ging es vor allem um die luxemburgische Sprache, die als gemeinsame Sprache erlernt und entwickelt wurde. Dieses Lernen fand vorrangig in der gemein-samen Interaktion auf relativ informelle Art und Weise statt. Dort, wo dieses informelle Lernen durch die gegebene Situation nicht so einfach möglich war, wurde auf strukturierte Lerninhalte zurückgegriffen, damit der Lernprozess bei allen Schülern erfolgreich stattfinden konnte. Es gab ein für alle klar erkennbares gemeinsames Ziel.

Wenn die Kinder des ersten Zyklus demnächst feststellen, dass ihr Lehrer abwechselnd Luxemburgisch und Französisch spricht, und  auch wenn dies in verschiedenen Begebenheiten geschieht, werden die Kinder, die schon ein bisschen Französisch reden, ihren Lehrer nur noch auf Französisch anreden, während die luxemburgischen Kinder ihn auf Luxemburgisch anreden werden. Alle andern werden sich wahrscheinlich für die Sprache entscheiden, die in der Klasse dominant ist. Es wird dadurch schwieriger, eine gemeinsame Sprache zu fördern. Wenn dann auch noch das „éveil aux langues“ in den Muttersprachen der Kinder hinzukommt, riskiert das Ganze in einer allgemeinen Kakophonie unterzugehen, aus der sich keine wirkliche Sprachkompetenz entwickeln kann.

Für das weitere Erlernen der Sprachen in den Zyklen 2 bis 4 brauchen die Kinder jedoch eine gute Basis in wenigstens einer Sprache. Für eine Alphabetisierung auf Deutsch ist eine gute Kenntnis des Luxemburgischen oder des Deutschen von Vorteil. Die Experimente im ersten Zyklus riskieren also auch Auswirkungen auf den weiteren Spracherwerb zu haben.

Das SEW/OGBL ist der Meinung, dass das Thema zu wichtig ist, um flächendeckende Experimente loszutreten ohne zu beachten, dass es sehr unterschiedliche lokale Kontexte gibt. Auf der pädagogischen Tagung des SEW/OGBL zum Sprachenlernen (20.2.2016) gingen die Meinungen der Lehrer verschiedener Regionen bezüglich der Gewichtung des Deutschen und des Französischen sowie der Alphabetisierungssprache weit auseinander. Müsste man nicht eine (wissenschaftlich begleitete) Versuchsphase an verschiedenen Schulen mit unter-schiedlichen sprachlichen Situationen starten und eine Arbeitsgruppe bilden, um die verschiedenen Möglichkeiten auszuloten, unter denen eine zweisprachige Erziehung in verschiedenen Kontexten möglich wird? Man müsste darüber hinaus auch überlegen, welche Konsequenzen die bilinguale Erziehung auf den weiteren Sprachenunterricht in den Zyklen 2 bis 4 haben wird.

Das SEW/OGBL wäre gerne bereit an solchen, von der Praxis ausgehenden, Überlegungen mitzuarbeiten.

Mitgeteilt vom SEW/OGBL
am 6. Dezember 2016

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